AboViele Täter aus Maghreb-StaatenMinderjährige Einbrecher überfordern Behörden, ein Quartier hilft sich selbst
Im Kanton Bern kommt es zurzeit vermehrt zu Einbrüchen. Wo die meisten Delikte verzeichnet werden und wie Betroffene einen solchen Vorfall erleben.

- In einem Mehrfamilienhaus im Berner Altenbergquartier wurde eingebrochen.
- Die Opfer erlebten den Vorfall als sehr belastend.
- Die Täter stammen aus den Maghreb-Staaten und sind teils minderjährig.
- Nachbarn im Wylergut gründeten einen Chat, um sich vor Einbrechern zu schützen und sich zu informieren.
An einem kalten Tag Ende Dezember fällt der Polizei in Neuenburg bei einer Zufallskontrolle ein junger Mann auf. Er trägt einen Laptop bei sich. Es stellt sich heraus: Dieses Gerät gehört einem Mann, der im Altenbergquartier in der Stadt Bern wohnt.
Die Neuenburger Polizisten melden den Fall ihren Berner Kollegen. Eine Patrouille begibt sich an den Wohnort des Laptop-Besitzers. Das zweistöckige Haus ist mit einem hohen Zaun gesichert. Die Tür zur Veranda ist aufgebrochen.
Die Polizei kontaktiert die Eigentümer und Mieter der Liegenschaft, die miteinander verwandt sind. Da sie vorerst nicht erreichbar sind, sichert die Polizei die Wohnungen vor weiteren Eindringlingen.
So erlebte ein Betroffener den Vorfall
Aus Datenschutzgründen nimmt die Polizei keine Stellung zu dem Fall. Doch der Mieter Ivo T. (Name geändert) erzählt, wie er und seine Familie den Vorfall erlebt haben.
Er wohnt im ersten Stock des Hauses und weilte zum Zeitpunkt des Einbruchs mit seiner Familie in den Ferien. Einen Tag danach erreichte ihn die Polizei am Telefon. Kurz darauf reiste er zurück nach Bern. In seiner Wohnung im ersten Stock stahlen die Täter Waren aus dem Treppenhaus, Kleider und teure Turnschuhe.
«Unsere 12-jährige Tochter hat seit diesem Einbruch grosse Ängste, dass die Einbrecher wiederkommen», sagt Ivo T. Die Vorstellung, dass jemand ins Haus gekommen sei und ihre Sachen eingepackt habe, sei für sie schlimm. Er versuche die Tochter zu beruhigen und sage ihr, dass es nur einen materiellen Schaden gegeben habe.

Auch der Bewohner der Parterrewohnung ist bereit, anonym über den Vorfall zu erzählen: «In der ganzen Wohnung hatte es Blutspuren, weil sich einer der Täter beim Einschlagen der Fenster verletzt hatte. Sie hinterliessen eine grosse Unordnung.» Gestohlen haben sie elektronische Geräte wie iPads, Laptops, Schmuck, zwei Kisten Kleider und eine Kreditkarte.
Kreditkarte hat Spuren hinterlassen
Die Bewegungen der Täter konnten anhand der gestohlenen Kreditkarte nachverfolgt werden. Die Karte verfügte über einen Chip für kontaktloses Bezahlen. Dies ist bis zu einem bestimmten Betrag ohne die Eingabe eines Codes möglich. So konnten die Täter zuerst bei einem Imbissstand im Bahnhof Bern etwas kaufen. Später setzten sie die Kreditkarte in Neuenburg in einem Ausgangslokal ein. Sie konsumierten bis um 4 Uhr des nächsten Tages immer wieder Getränke für einen Gesamtwert von 600 Franken.

Ein paar Tage nach dem Einbruch kommt die Polizei bei den Familien im Altenberg vorbei, um sie über erste Erkenntnisse zu informieren. Die Polizei geht davon aus, dass zwei Einbrecher am Werk waren. Sie berichten den Bewohnern, dass die Täter aus Maghreb-Staaten kommen, also aus Ländern wie Tunesien, Marokko oder Algerien. Einer sei minderjährig.
Mehr Einbrüche als in den Vorjahren
Zahlen, wie sich die Anzahl Einbrüche im Jahr 2024 im Kanton Bern entwickelt hat, gibt die Polizei im März bekannt. Cindy Schneider, Sprecherin der Kantonspolizei Bern, sagt aber: «Im Vergleich zu den Vorjahren ist im Jahr 2024 im ganzen Kanton Bern eine steigende Tendenz von Einbrüchen in Wohnungen und Geschäften zu verzeichnen.»
Mehr Einbrüche gebe es insbesondere an Orten mit mehreren Wohneinheiten. Die Regionen Bern, Mittelland-Oberaargau und der Berner Jura seien verhältnismässig etwa gleichermassen von den Einbruchdiebstählen betroffen. Weniger Fälle gebe es im Berner Oberland. Gestohlen werden laut der Polizei vor allem Waren, die rasch zu Geld gemacht werden können.
Die Täter sind sehr jung
In den letzten Tagen publizierte die Kantonspolizei mehrere Delikte von Minderjährigen. Bei Einbruchdiebstählen in Steffisburg stammen die drei 14- und 15-Jährigen aus Marokko, Algerien und Tunesien.
Ebenfalls aus Marokko sind die drei 14- und 15-Jährigen, die sich laut ersten Erkenntnissen für mehrere Einbruchsdiebstähle in Bönigen verantworten müssen. Im Amtsblatt wurde zudem ein Strafbefehl gegen einen 11-jährigen Marokkaner publiziert, der sich für zahlreiche Straftaten in Bern verantworten muss wie Diebstahl, Hausfriedensbruch oder Hehlerei. Wenn die Kantonspolizei auf minderjährige Täter stösst, arbeitet sie mit den Kindes- und Erwachsenenschutzbehörden (Kesb) zusammen.
Auch Alexander Ott, Chef der Fremdenpolizei der Stadt Bern, stellt fest, dass vermehrt Minderjährige aus den Maghreb-Staaten bei Delikten involviert sind. Er sagt: «Das ist eine beunruhigende Entwicklung. Die Jugendlichen bestreiten hier ihren Lebensunterhalt mit Diebstählen und Einbrüchen.»
Sie suchen ein besseres Leben
Diese Minderjährigen reisten meist illegal in die Schweiz ein. In ihren Ländern sähen sie keine Perspektiven mehr. Treiber dieser Entwicklung seien Fotos über Smartphones, die die jungen Männer von Bekannten erhalten. Die Absender berichteten voller Zuversicht aus Ländern wie der Schweiz. Das Smartphone und die sozialen Netzwerke werden laut Ott zu Treibern der irregulären Migration.
Es handelt sich um Selbstinszenierungen mit Luxusgütern in den sozialen Medien, die mit der Realität wenig zu tun haben. Dennoch zeigen diese Bilder die Diskrepanz zwischen einem Leben mit Einschränkungen in der Heimat und dem scheinbar ungehinderten Zugang zur europäischen Konsumwelt.

Wer könne, nehme das Risiko auf sich und gehe, so Ott. Oft werden auch Minderjährige von ihren Familien dazu ermutigt. Sie hoffen, dass ihre Kinder Geld in die Heimat senden können.
Die Jungen werden Harraga genannt. Das Wort kommt aus dem Arabischen und benennt die Jungen, die ihre Ausweise verbrennen und das «alte Leben hinter sich lassen». Da sie ohne Ausweise unterwegs sind, kann die Fremdenpolizei sie praktisch nicht identifizieren.
Greifen die Behörden die Jungen auf, stellen sie oft ein Asylgesuch und erhalten dadurch ein Bleiberecht. Während das Asylverfahren läuft, bewegen sie sich laut Ott oft im öffentlichen Raum, organisieren sich untereinander und beginnen eine kriminelle Laufbahn. Ott sagt: «Die Behörden sind mit dieser Entwicklung völlig überfordert.»
Ohne soziale Kontrolle
Nachdem sie aus ihrer patriarchalischen Herkunft ausgebrochen seien, fehle die soziale Kontrolle der Familie. Der Strafrechtsprofessor Jonas Weber sagte kürzlich gegenüber dieser Zeitung, das Schweizer Strafrechtssystem schrecke diese Täter nicht ab. Geldstrafen brächten nichts, denn sie hätten meist kein Geld. Und ein Gefängnisaufenthalt in der Schweiz sei oft die bessere Alternative als eine Rückkehr ins Heimatland.
Alexander Ott sagt: «Da die Schweiz aktuell keine Lösungsansätze für diese Jungen hat, müssen wir sehr aufpassen, dass keine Radikalisierung dieser Personen stattfindet.» Er geht davon aus, dass in der Schweiz derzeit rund 300 unbegleitete Minderjährige aus dem Maghreb leben. Ott plädiert dafür, dass gesamtschweizerische, rechtliche und gesetzgeberische Massnahmen ergriffen werden.

Eine erzwungene und freiwillige Rückkehr von Personen aus den Maghreb-Staaten ohne Aufenthaltsbewilligung sei nur schwer möglich. Es müssten rasch Abkommen mit den Herkunftsländern abgeschlossen werden. Derzeit kann man laut Ott niemanden ohne Papiere zurückschaffen.
Bürger vernetzen sich in den Quartieren
Zurück zu den Familien im Berner Altenbergquartier. Die Polizei hat ihnen Fotos von Diebesgut gezeigt, welches sie bei den beiden jungen Einbrechern in Neuenburg sichergestellt haben. «Viele Sachen auf den Fotos haben uns nicht gehört», sagt Ivo T. Das deute darauf hin, dass die Täter eine Tour an Einbrüchen verübt haben. Auch in der Nachbarschaft seien in den letzten Tagen Unbekannte im Garten unterwegs gewesen.
Von Einbrüchen hört man aus dem Berner Kirchenfeldquartier, aus der Lorraine und dem Wylergut. In Letzterem beispielsweise haben die Einwohner einen Chat erstellt mit 220 Mitgliedern, in dem sie sich Beobachtungen melden. Dort heisst es zum Beispiel: «Da ist ein unbekannter Mann im Sustenweg, der in den Gärten herumläuft. Er trägt eine schwarze Mütze.»
Vor kurzem hätten Einbrecher in der Nacht versucht, in die Häuser einzudringen. Die Chat-Mitglieder sind überzeugt, dass das wachsame Vorgehen helfe, noch mehr Einbrüche im Quartier zu verhindern.
Bei der Kantonspolizei Bern gehen vermehrt Anfragen ein von Menschen, die ihre Häuser besser vor Einbrechern schützen wollen. Eine Sprecherin der Kantonspolizei Bern sagt: «Die Nachfrage nach Sicherheitsberatungen im Bereich Einbruchschutz ist derzeit sehr hoch.»
Auch die Familien im Altenberg wollen sich nun besser schützen. Sie werden im Garten Bewegungsmelder installieren. Wenn sie in Zukunft abwesend seien, könnten sie diese einschalten: Gebe es dann Bewegungen, würden Fotos der Eindringlinge geschickt. So fühlten sie sich zu Hause wieder sicherer.
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